Der Zugang zu Saskia Gronebergs fotografischen Arbeiten lebt vom zweiten Blick. Einem Blick, der hinter die ästhetische Schönheit der Bildkomposition blickt und sich auf die fast unmerklichen Dis­­krepanzen und den feinen Humor einlässt, die ihre Arbeiten in ­Spannung versetzen. Hier, im zweiten Blick, zeigt sich die fundierte Recherchearbeit, auf die ihr künstlerisches Arbeiten aufbaut und es werden die vielschichtigen inhaltlichen Auseinandersetzungen sichtbar, die hinter dem Bild­sujet liegen und ihre Praxis prägen. Die Frage, wie inhärent abstrakte Konzepte über Gemeinschaft und Kultur insgesamt künstlerisch dargestellt werden können, zieht sich durch Gronebergs Schaffen. Dabei illustriert die Künstlerin keine politischen Ereignisse, sondern rückt den Fokus weg vom Menschen hin zu der von ihm domestizierten, artifiziellen Natur.
Ihr Interesse an botanischen Phänomenen ist somit vor allem ein sozialpolitisches Interesse, und trotzdem fungieren die Pflanzen in ihren Bildern nicht als Hintergrund, sondern dominieren das menschliche Leben. In Gronebergs Arbeiten sind sie ein boundary object, das physische Grenzobjekt soziologischer Theorie, durch das wir als Betrachter*innen unterschiedliche Perspektiven, Haltungen und Interpretationen vermittelt bekommen: Die vom Menschen geprägte Natur, sei es in ihrer Ausformung als Zierpflanze, als Garten, oder auch gestaltete Landschaft, bildet in ihren Werken eine Oberfläche, die uns erlaubt Aussagen über mensch­liches Verhalten, über menschliche Psyche, aber auch über soziale, kulturelle oderpolitische Vor­gänge und Ereignisse zu treffen. So lernen wir über das Motiv der artifiziellen Natur – sei es ein Kanal oder das Blatt einer Büropflanze – in Gronebergs Bildern mehr über die menschliche Verfasstheit und über die Politiken des Zusammenlebens, als so manches Portrait offengelegt hätte. 
Inhaltlicher Ausgangspunkt für Gronebergs künstlerische Praxis ist oftmals eine sichtbar gewordene Diskrepanz im Verhältnis Mensch – Natur. Aus dieser nicht immer konfliktfreien wechselsei­tigen ­Einflussnahme entwickelt Groneberg fotografische Serien, die häufig eine synthetisierte Natur hinterfragen und sie als Projektionsfläche menschlicher Sehnsüchte und Bedürfnisse herausarbeitet. Viele von Gronebergs Arbeiten bebildern dabei einen Reibungs- oder Kipp­moment im Verhältnis von Mensch und Natur: So komplex wie die oft zwiespältige Positionierung oder Aushandlung zwischen diesen beiden Binaritäten sich in der Wirklichkeit vollzieht, so komplex sind auch Gronebergs Fotografien. Es geht ihr nie um eine ein­fache ­Aus­sage oder Bewertung, im Gegenteil, ihre Bildsprache schafft es auf besondere Weise Widersprüche nicht nur einzufangen, sondern die konträren Phänomene gleichwertig nebeneinander (be-)stehen zu lassen.
Saskia Groneberg verbindet in ihrer künstlerischen Arbeit zwei scheinbar gegensätzliche Konzepte, nämlich fotografische Konzeptkunst und Dokumentarfoto­grafie. Zwischen subjektiver Erzählung und rationaler Analyse entstehen so Werke, die von der Welt erzählen, die Fragen stellen und dabei nie versuchen, einfache Antworten zu liefern. So gelingen ihr Bilder, die gleichermaßen präzise sind, aber auch eine eindringliche, komplizierte Schönheit in sich tragen. Die nicht zuletzt die Achtung und den subtilen Humor, mit dem sich die Künstlerin der Welt annähert, sichtbar werden lassen. Groneberg fordert in ihren Foto-, und Videoarbeiten die Sichtweisen auf klassische fotografische Sujets und Sehgewohnheiten heraus und arbeitet auch formal an einer Erweiterung des fotografischen Kunst­begriffs: So umfasst ihr Werk, neben Fotografien und Videos, auch Buchprojekte und Installationen und verstärkt auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit thematischen Archiven und historischem Bildmaterial.


Anja Lückenkemper
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